Bjorn Kiggen is delivering a keynote speech on the topic of ‘Focus on your mental health’ at a Jungheinrich corporate event.

Wenn der Körper streikt: Was gegen Auftrittsangst und Redeangst im Beruf wirklich hilft

Executive Summary: 

  • Weit verbreitetes Phänomen: Laut Erhebungen der kalifornischen Chapman University leiden rund 33,7 Prozent aller Befragten unter Furcht vor dem Sprechen vor Publikum. Damit rangiert die Redeangst regelmäßig vor Ängsten vor Höhen, Spinnen oder sonstige Phobien
  • Typische Schutzreaktionen: Im beruflichen Kontext führt Redeangst oft zu permanenter Vermeidung, Fluchtstrategien, überhastetem Präsentieren oder dem Verstecken hinter textlastigen Folien.
  • Der reale Hebel: Echte Souveränität entsteht nicht durch das Auswendiglernen von Redemanuskripten, sondern durch den bewussten Abbau von Perfektionsdruck und den gezielten Aufbau von echter Publikumsbindung.
  • Erprobte Transformation: Wer selbst schwerste Panikzustände überwunden hat, kennt die biologischen Alarmsignale genau und kann Betroffenen fundierte, praxistaugliche Werkzeuge vermitteln.

Auf einer Bühne zu stehen, hat mir als Kind keine schlaflose Nacht bereitet. Ich stand bei Schulfeiern im Rampenlicht, playbackend zu Cliff Richards Song Living Doll, oder imitierte George Michael mit einer selbstgebastelten Gitarre meiner Mutter. Mit elf Jahren war ich sogar ein stummes Schaf im Krippenspiel des örtlichen Theaters. Mit fünfzehn sprach ich in einer vollbesetzten Kirche zur goldenen Hochzeit meiner Großeltern.

Die reale Lähmung begann erst kurz danach.

Im dritten Jahr am Gymnasium (anderes System in Belgien) kippten meine Panikattacken in eine existenzielle Bedrohung. Plötzlich war jeder Schritt vor eine Gruppe mit nackter Panik verknüpft. Meine größte Furcht war nicht ein inhaltlicher Patzer, sondern die körperliche Demütigung: die Angst vor Kontrollverlust, vor Übelkeit, vor einer totalen Blamage. Mein Schulalltag wurde zum reinen Ausweichmanöver. Entweder meldete ich mich als Erster, raste in atemloser Hast durch den Vortrag, oder ich spekulierte auf den letzten Platz in der Hoffnung, dass die Stunde endete, bevor mein Name fiel.

Diese Versagensangst verschwand nicht einfach mit dem Schulabschluss. Sie wanderte mit in den Beruf. Es gab Phasen, in denen ich vor buchstäblich niemandem sprechen konnte. Die körperliche Blockade war absolut.

Die größte Angst des Menschen: Was die Wissenschaft sagt

Wer unter massiver Nervosität vor Gruppen leidet, glaubt oft, eine seltene Schwäche zu haben. Die empirische Forschung zeichnet aber ein völlig anderes Bild.

In der bekannten Angststudie der kalifornischen Chapman University (Erhebung 2025, Modul Alltagsphobien) lag Public Speaking mit 33,7 Prozent unangefochten auf Rang 1 aller spezifischen Phobien.

Dahinter folgten:

  • Höhenangst: 28,6 Prozent
  • Angst vor Spinnen, Insekten und Schlangen: 24,8 Prozent
  • Angst vor Nadeln und Blut: 18,5 Prozent
  • Dunkelheit, geschlossene Räume und Fliegen: jeweils unter 20 Prozent

Rund ein Drittel aller Menschen teilt also dieses beklemmende Gefühl. Evolutionsbiologisch betrachtet ist diese Reaktion vollkommen logisch: Vor einer Gruppe exponiert zu sein, aktivierte in der Urzeit den Schutzinstinkt vor Ausgrenzung und Verstoßung. Für das menschliche Nervensystem bedeutet ein Konferenzraum voller blickender Augen schlicht: akute Lebensgefahr.

Neurowissenschaftlich übernimmt in diesem Bruchteil einer Sekunde die Amygdala, das neuronale Alarmzentrum im Gehirn, die Kontrolle. Sie stuft die Blicke der anderen als existenzielle Bedrohung ein und schaltet die evolutionäre Kampf oder Flucht Reaktion (Fight or Flight) ein, gesteuert über das vegetative Nervensystem:

  • Adrenalin und Cortisol schießen ins Blut: Herzschlag und Blutdruck steigen schlagartig an, um Muskeln mit Sauerstoff zu fluten.

  • Der präfrontale Kortex wird gedrosselt: Das rationale Denk- und Sprachzentrum im Großhirn bekommt weniger Energie, weil der Körper alle Ressourcen für das pure Überleben bündelt. Das ist der Moment, in dem der gefürchtete Blackout entsteht und Worte plötzlich fehlen.

  • Periphere Gefäße verengen sich: Die Durchblutung wird in die großen Muskelgruppen gelenkt, was zu kalten, zittrigen Händen, trockenem Mund und flacher Atmung führt.

Betroffene versagen also nicht an ihrer Kompetenz. Ihr Nervensystem tut in diesem Moment exakt das, wofür die Evolution es gebaut hat: Es will das Überleben sichern.

Symptome von Auftrittsangst und Redeangst vor einer Präsentation im Meetingraum

Die unsichtbare Bremse im Business

In der modernen Wirtschaft wird dieses biologische Alarmmuster jedoch zur unsichtbaren Karrierebremse.

In Unternehmen erleben Führungskräfte, Personalentwickler und Projektleiter dieses Problem Tag für Tag:

  • Fachlich brillante Spezialisten blockieren vor dem Lenkungsausschuss oder schieben Termine krampfhaft auf.

  • Vortragende verschanzen sich hinter dem Rednerpult und stehen so weit am Rand, dass der Raum nur noch auf die Folienwand blickt.

  • Es wird hastig durch dreißig überladene Folien gerast, ohne auch nur einmal Blickkontakt mit dem Team aufzunehmen.

  • Bei einfachen Statusberichten wird jede Nachfrage als persönlicher Angriff erlebt, weil das Nervensystem auf Alarm steht.

Statt ihr Potenzial sichtbar zu machen, überlassen Betroffene anderen Kollegen das Feld. Das kostet Unternehmen wertvolles Fachwissen und hemmt die Entwicklung vielversprechender Talente.

Ich kenne dieses Versteckspiel bis ins kleinste Detail, weil ich es jahrelang selbst im Konzernalltag gelebt habe. Ich war fachlich fit, mied jedoch jede Bühne wie die Pest. Ich war genau dieser Mitarbeiter, der hoffte, dass andere die Präsentationen übernehmen, nur um meinem eigenen Nervensystem nicht ausgeliefert zu sein.

Der Wendepunkt: Vorbereitung statt Perfektion

Dieses Ausweichen funktionierte erstaunlich lange, bis ins Jahr 2017 hinein. Dann kam der Moment, an dem ich im internationalen Unternehmensalltag schlicht keine Ausweichmöglichkeit mehr hatte: Ich musste vor eine internationale Runde treten und präsentieren. Es gab keine Ausreden mehr, keinen Kollegen, hinter dem ich mich verstecken konnte.

Die alten Alarmsignale meldeten sich sofort. Mein Körper schaltete auf Flucht.

Diesmal wählte ich jedoch einen anderen Weg. Statt mich hinter überladenen Folien zu verstecken, begann ich systematisch zu analysieren, was erfolgreiche Redner auf Plattformen wie TED wirklich tun. Ich las Fachliteratur, studierte Auftritte und fasste einen Entschluss: Ich werde nicht versuchen, perfekt zu wirken. Ich werde schlicht ansprechbar und echt bleiben.

Die Rückmeldung nach dem Vortrag war ein Augenöffner. Niemand bemerkte mein inneres Zittern. Das Feedback lautete: „Das war mit Abstand der lebendigste Vortrag. Du liest keine Folien ab, du bindest die Menschen im Raum ein, du bist greifbar.“

Dieser Moment veränderte alles. Ein Publikum wünscht sich keine fehlerfreie Vortragsmaschine, sondern einen Menschen, der echte Resonanz erzeugt.

Was bei Auftrittsangst und Lampenfieber tatsächlich hilft

Wer wirkliche Souveränität vor Publikum erlernen möchte, braucht keine einstudierten Schauspielgesten, sondern Klarheit über drei Kernprinzipien:

  • Den Raum aktiv entlasten: Der größte Druck entsteht durch das Gefühl, allein vor einer passiven Bewertungsinstanz abliefern zu müssen. Die Realität im Konferenzraum ist eine andere: Nahezu jeder Mensch im Raum kennt das beklemmende Gefühl vor Gruppen aus eigener Erfahrung. Das Publikum sitzt dort nicht, um Fehler zu zählen, sondern hofft inständig auf Relevanz und einen lebendigen Vortrag. Sobald du den Raum ins Geschehen holst, Fragen stellst oder Reaktionen direkt aufgreifst, brichst du den starren Monolog auf. Die Anspannung weicht aus dem Raum, weil ein echtes Miteinander entsteht. 
  • Fehler als Verbindungspunkt nutzen: Wer kurz innehält, authentisch reagiert oder einen spontanen Witz macht, nimmt dem Raum die Anspannung. Ein kleiner Versprecher oder ein kurzer Hänger im Faden ist keine Blamage. Perfektion distanziert, Menschlichkeit schafft Vertrauen. 
  • Inhalt vor Folienwände und Notizzettel stellen: Aus reiner Angst vor einem Blackout klammern sich viele an scheinbare Sicherheiten: Folien werden mit Text überladen, die Referentennotizen lückenlos vollgeschrieben und man bleibt wie festgefroren am Pult stehen, um bloß jedes Wort abzulesen. Genau diese Vermeidung zerstört den Kontakt zum Publikum komplett. Wirkliche Sicherheit entsteht nicht durch ein Textschild, hinter dem man sich verschanzt. Sie entsteht, wenn man sich auf die Kernaussage konzentriert und den Zuhörern einen einzigen klaren Mehrwert mitgibt. Das lenkt das Scheinwerferlicht weg von der eigenen Person hin zum echten Nutzen für die Gruppe.

Souveränität lässt sich systematisch trainieren

Wenn jemand wie ich, der jahrelang von schwersten Panikattacken beherrscht wurde und phasenweise vor buchstäblich niemandem sprechen konnte, heute regelmäßig auf großen Bühnen und vor internationalen Teams spricht, dann ist dieser Weg für jeden erreichbar. Gelassenheit vor Gruppen ist kein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal. Es ist eine erlernbare Fähigkeit.

In der Praxis bedeutet dieses Training keine starre Rhetorikschule, bei der man Handbewegungen vor dem Spiegel einstudiert. Es geht um drei ganz konkrete Transformationsschritte:

  • Das Nervensystem desensibilisieren: Wir simulieren die Drucksituation im geschützten Rahmen, bis der Körper lernt, dass die Adrenalinausschüttung keine Lebensgefahr bedeutet. Sobald der Alarm im Kopf nicht mehr mit Panik beantwortet wird, bleibt der Zugriff auf das eigene Fachwissen frei.

  • Den eigenen Vortragsstil radikal verschlanken: Wir werfen den unnötigen Ballast ab. Weg von überladenen Textfolien, hin zu einer klaren Storyline und handfesten Ankerpunkten, die echte Sicherheit geben, ohne ein starres Skript auswendig lernen zu müssen.

  • Souveräner Umgang mit Momenten des Strauchelns: Wir trainieren gezielt den Moment, vor dem alle Angst haben: den kleinen Aussetzer oder die unerwartete Frage. Wer erlebt hat, wie einfach sich ein Hänger mit einer kurzen Pause oder einer echten Bemerkung auflösen lässt, verliert die Furcht vor dem Kontrollverlust.

Es geht nicht darum, auf der Bühne eine Show abzuliefern aber dass dein Kopf frei bleibt und du deine fachliche Kompetenz ruhig und überzeugend in den Raum bringst.

Ihr nächster Schritt: Raus aus der Anspannung

Für Fach -und Führungskräfte:

Möchtest du deine Auftrittsangst nachhaltig abbauen und vor Kunden, Teams oder der Geschäftsführung ruhig und souverän auftreten? In einem vertraulichen 1:1 Coaching in Hamburg oder via Video analysieren wir deine Auslöser und erarbeiten direkte Werkzeuge für deinen nächsten Auftritt.

Für HR Verantwortliche:

Möchten Sie Ihren Leistungsträgern den Druck vor Präsentationen nehmen und deren Auftrittskompetenz gezielt fördern? Ich begleite Ihre Mitarbeiter in fokussierten Einzelcoachings oder praxisnahen Teamworkshops für mehr Sicherheit und Überzeugungskraft im Unternehmensalltag.